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Erforderlichkeit eines Behandlungsabbruches bei beginnender Wurzelresorption

Wenn bei beginnender Wurzelresorption keine Umstellung des Therapieplans vorgenommen wird, um den Zustand der Zähne zu erhalten, stellt dieses Verhalten eine Verletzung der vertragszahnärztlichen Pflicht dar und begründet einen Schadensersatzanspruch der Krankenkasse.
Das SG Marburg befasste sich in seinem Urteil vom 19.01.2011 (Az. S 12 KA 262/10) mit der Frage, ob eine kieferorthopädische Behandlung ohne Veränderungen fortgesetzt werden darf, wenn nach 5 Jahren ohne Therapieerfolg eine Wurzelresorption sichtbar wurde.
Dem lag folgender Sachverhalt zugrunde:
Die Beklagte setzte gegen die Klägerin, die als Fachzahnärztin für Kieferorthopädie zur vertragszahnärztlichen Versorgung zugelassen war, im Jahr 2009 einen Regress fest. Die Klägerin hatte eine Versicherte 7 ½ Jahre (Mitte 1999 bis Ende 2006) lang kieferorthopädisch behandelt. In dem Bescheid der Beklagten wurden 60% der von der Klägerin in diesem konkreten Fall abgerechneten Leistungen zurückgefordert.
Die Beklagte begründete ihre Rückforderung damit, dass die Klägerin ihre vertragszahnärztlichen Pflichten verletzt habe. Zunächst sei die Behandlung vertragswidrig mit einer nicht genehmigten festsitzenden Apparatur begonnen worden, hingegen habe sie die geplante und durch den Kostenträger befürwortete Therapie unterlassen. Die Behandlungsdurchführung sei nur oberflächlich nachvollziehbar, was einen erheblichen Dokumentationsmangel darstelle. Schlussendlich sei die Behandlung über Jahre fortgeführt worden, ohne dass der Befund verbessert worden wäre. Es hätte eine Umplanung oder ein Behandlungsabbruch erfolgen müssen, insbesondere da bereits auf einem im Jahr 2004 angefertigten Röntgenbild eine beginnende Wurzelresorption zu erkennen war. Die Klägerin habe es pflichtwidrig unterlassen, in zahnmedizinisch-fachlich richtiger Weise auf diesen Röntgenbefund zu reagieren. Eine fehlende oder unvollständige Mitarbeit der Versicherten sei hingegen nicht dokumentiert worden.
Die Klägerin wandte sich gegen den Regressbescheid mit der Begründung, dass sie keinen Erfolg schulde, desweiteren seien erste Wurzelresorptionsansätze keine Kontraindikation für eine kieferorthopädische Behandlung. Auch sei die Versicherte in den Kontrollterminen nur sporadisch erschienen.
Die Versicherte brach die Behandlung bei der Klägerin ab. Infolge der Wurzelresektion leidet sie an einer dauerhaften Lockerung der oberen Schneidezähne und einer Funktionsstörung aufgrund des verbliebenen Tiefbisses.
Das SG Marburg bestätigte den Regressbescheid als rechtmäßig. Voraussetzung für den Anspruch einer Krankenkasse auf Ersatz eines sonstigen Schadens durch einen Vertragszahnarzt sei die Verletzung einer vertragszahnärztlichen Pflicht, ein hieraus resultierender Schaden sowie ein schuldhaftes, also zumindest fahrlässiges Verhalten des Vertragszahnarztes. Die kieferorthopädische Behandlung sei insofern mangelhaft gewesen. So sei mit einer Wurzelresorption stets im Rahmen einer kieferorthopädischen Behandlung zu rechnen. Die Klägerin habe daher auch zu Recht die Röntgenaufnahmen angefertigt, aber offensichtlich keine oder eine fehlerhafte Befundung vorgenommen. Weder habe sie hieraus vertretbare Behandlungsschritte abgeleitet, noch die Patienten und/oder deren Eltern aufgeklärt, noch den Befund in den Akten vermerkt. Stattdessen habe sie die Therapie unverändert fortgesetzt. Dies stelle einen Pflichtverstoß dar, da in Zusammenschau mit der Tatsache, dass die Behandlung bis dahin seit fünf Jahren ohne Fortschritte geblieben ist, ein Behandlungsabbruch dringend indiziert gewesen wäre, um den damaligen Zustand der Zähne zu erhalten. Auch könne die Behandlung nicht in eine bis ins Jahr 2004 standardgerechten und danach fehlerhaften Behandlung aufgespalten werden, da es sich um eine Dauerbehandlung handele. Die Weiterbehandlung trotz der beginnenden Wurzelresorption habe die Gesamtbehandlung unbrauchbar gemacht. Zudem sei in den nächsten Jahren mit dem Verlust der Zähne zu rechnen, so dass weitere Kosten entstünden.
Das SG Marburg entschied zudem, dass die regelmäßige Verjährungsfrist von 3 Jahren nicht abgelaufen sei. Für den Beginn des Laufs der Verjährungsfrist sei der Zeitpunkt des Abschlusses der kieferorthopädischen Behandlung maßgebend. Gerade bei kieferorthopädischen Behandlungen, die im Regelfall über mehrere Jahre erfolgen, sei ein Pflichtenverstoß erst am Ende der Behandlung feststellbar.

08.09.2011
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RA Jens-Peter Jahn
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